Es ist nichts passiert

Wahrnehmung. Konstruktivismus. Und die Frage nach "was ist eigentlich passiert?"

Es ist nichts passiert

Wie viel Wahrnehmung unbewusst durch unser System läuft und beinahe beiläufig bearbeitet wird, ist uns in den seltensten Momenten überhaupt bewusst. Doch manchmal, da gibt es sie – diese kleinen Momente, in denen augenscheinlich kaum etwas passiert, dass wir greifen oder gar in Worten ausdrücken könnten, doch unser Inneres alle Hände damit zu tun hat die Flut an einströmenden Wahrnehmungsreizen zu verarbeiten und durch unser System zu leiten.

Stell dir folgende Szene vor:

Du sitzt in der Bahn, hast dich gerade hingesetzt. Zu der Person mit einem freien Platz im Schatten. Es ist warm. Du trägst eine Sonnenbrille und Musik, die dir gute Laune macht, dringt über deine Kopfhörer in deine Ohren. Du bist auf dem Weg zu einem Event, auf das du dich freust. Eine Person setzt sich in den Vierer neben dir, quasi dir gegenüber. Du nimmst sie wahr. Du weißt nicht wieso. Während ein Song nach dem anderen durch die Kopfhörer in dein System läuft, bemerkst du plötzlich, dass du dir diese Person genauer anschauen möchtest. Etwas erregt dein Interesse, deine Wahrnehmung legt wie willkürlich einen Fokus auf sie und du gibst ihm nach. Richtig auffällig oder besonders scheint nichts an dieser Person, nichts, was deinen Fokus rational erklären ließe. Und doch geht dein Fokus immer wieder zurück zu dieser Person. Du blickst aus dem Fenster. Ein bisschen Abstand wird dir bestimmt gut tun, denkst du und ertappst dich wenige Minuten später erneut dabei, wie dein Blick auf die Person wandert. Blicke scheinen sich zu treffen und kurz zu halten. Unmöglich, denkst du, schließlich trägst deine dunkle Sonnenbrille! Du fühlst Intensität, vielleicht Unbehagen. Du schmunzelst ungeplant und siehst wieder aus dem Fenster. Wieder zurück, aber dein Kopf gerade nach vorne gerichtet, sodass niemand denken könnte, du suchst Kontakt. Die andere Person schmunzelt. Du auch. Irritation macht sich in dir breit. Rational von außen betrachtet ist „nichts passiert“.

Es kann keinen Augenkontakt gegeben haben, sagst du dir schließlich, niemand war in der Lage durch die dunkle Sonnenbrille deine Augen zu sehen. Dein Kopf war auch nie in Richtung der Person gedreht, also auch hier ist offiziell nie Kontakt entstanden. Du fragst dich, ob deine Wahrnehmung verrückt spielt und blickst wieder aus dem Fenster. Der Blick nach draußen fühlt sich sicher an, berechenbar. Plötzlich musst du lächeln und weißt nicht wieso. Zum Glück trägst du Kopfhörer, du könntest also auch wegen allem anderen lächeln! Du hörst weiter Musik, lässt den Sound durch deinen Körper gleiten und dich einen Moment mitnehmen. Dein Kopf wippt, dein Bein auch. Dein Nacken zieht und da beschließt deine Blickrichtung zu ändern und nach vorne zu richten und siehst, wie die Person den Kopf und die Hand ebenfalls rhythmisch zur Musik bewegt. Die Fahrt geht weiter und obwohl „nichts“ Greifbares passiert, passiert sehr viel. Du schmunzelst, die Person schmunzelt. Blicke scheinen sich zu treffen, Köpfe wippen, Hände schreiben Bewegungen. Dein Verstand kann es nicht greifen, doch dein Körper weiß es längst. Die nächste Haltestelle muss du raus. Machst dich zum Aufstehen bereit. Als du aufstehst und dich Richtung Ausgang drehst merkst du, wie die Person schmunzelnd aufsteht und sich hinter dir einreiht. Ein Lächeln zieht wie aus dem Nichts auf deinem Gesicht auf. Es gibt keinen Kontakt, nur ein Fühlen. Menschen drängen sich im Ausgang zusammen, draußen suchst du Orientierung und als du beschließt die Rolltreppe zu nehmen und all das Menschengedränge mitzunehmen und kurz alles aus den Augen verlierst, steht die Person plötzlich neben dir und weist dir per Geste lächelnd den Stehplatz vor sich zu. Ihr blickt zusammen die Rolltreppe hoch, schmunzelt beide, keiner spricht und oben angekommen trennen sich eure Wege, ihr biegt wie selbstverständlich in unterschiedliche Richtungen ab. 

Kurz drehst du dich um. Deinem Verstand einen realen Beweis liefern wollen, was dein System längst als Beweis verstanden hat, denn die körperliche Erfahrung war es vom ersten Augenblick an. Dein Verstand sagt „Es ist nichts passiert. Es gibt kein Ereignis. Nichts hat sich verändert.“ Dein Körper weiß: Es war real. Ich habe es gefühlt. Bewegung. Resonanz. Leerstellen. Spannung. „Ich bin der Beweis.“

Hold complexity. Don't flatten it.