Zwischen Leinwand und Large Language Model

Ein Blick auf emergente Kreativität und was entsteht, wenn Denken Beziehung eingeht.

Zwischen Leinwand und Large Language Model

Meine Artikel sind nicht geplant – sie entstehen. Meist beginnen sie mit einem Moment, der mich irritiert. Ein Moment, der Fragen sichtbar macht und eine so deutliche innere Bewegung auslöst, dass ich ihr schreibend Ausdruck verleihen muss. Ich halte genau das für Kunst. Nicht das fertige Werk, sondern der Moment, in dem etwas Form findet, das sich zuvor zwischen Gedanken, Erfahrungen und Begegnungen bewegt hat.

Warum denke ich an Kunst, wenn systemic engineering doch augenscheinlich wenig mit Kunst zu tun hat?

Diese Frage stelle ich mir auch. Und wie sie entstanden ist, möchte ich mit dir teilen. Denn ich habe sie mir nicht ausgesucht – vielmehr hat sie mich gefunden. Die Hitze der letzten Tage trieb mich aus meiner Wohnung in die Zentralbibliothek. Eigentlich suchte ich nichts weiter als einen Ort, an dem ich die nächsten Stunden verbringen konnte. Einen Ort, der meinem Nervensystem entgegenkommt und es nicht weiter strapaziert. Zunächst wanderte ich durch die Bibliothek, schaute mich nach einem passenden Sitz- und Arbeitsplatz um. Als ich keinen fand, wechselte schließlich die Etage und fand dort einen einzelnen Tisch, der mich ansprach. Ich setzte mich, packte meine Sachen aus und ließ meinen Blick durch den Raum schweifen.

Mit einem Schmunzeln bemerkte ich, dass ich mitten zwischen den Regalen der bildenden Künste und der Literaturwissenschaften gelandet war. Kunst und Literatur – meine inneren Heimatorte. Ich betrachtete Bildbände, Künstlerbiografien und klassische Literatur. Und plötzlich stellte sich mir eine Frage: Was ist, wenn Kreativität gar nicht im Individuum entsteht, sondern im Raum zwischen Systemen? Was passiert, wenn Denken nicht nur einem einzelnen System gehört? Plötzlich denke ich wieder an Beziehungen. Daran, wie Systeme miteinander in Beziehung treten. Und daran, ob auch Kunst ein System ist, das mit dem System Mensch in Beziehung geht.

Dann entsteht Kunst nicht allein im Werk. Sie entsteht dort, wo Werk, Betrachtende und Kontext einander begegnen. Vielleicht sogar noch früher: Dort, wo Mensch, Wahrnehmung und Welt miteinander in Beziehung treten. Auch KI entfaltet ihren Wert erst in Beziehung – zwischen Modell, Prompt und Mensch. Und auch Systemic Engineering entsteht durch Beziehung: durch das In-Beziehung-Bringen unterschiedlicher Denkweisen, Wahrnehmungen und Perspektiven. Genau das beobachtet systemisches Denken – das Miteinander-in-Beziehung-Stehen.

Oft höre ich, wie über die Leinwand oder über Large Language Models gesprochen wird, als seien sie die eigentlichen schöpferischen Instanzen. Doch ich entdecke eine unerwartete Gemeinsamkeit - beide eröffnen Projektionsräume. Die Leinwand antwortet mit Farbe, Form und Material. Das Large Language Model antwortet mit Sprache. Doch in beiden Fällen scheint das Entscheidende nicht in der Leinwand und nicht im Modell zu liegen. Es liegt in dem, was zwischen ihnen und dem Menschen entsteht.

Vielleicht suchen wir seit Jahrhunderten nach der falschen schöpferischen Instanz. Vielleicht ist weder der Mensch noch das Werkzeug schöpferisch. Schöpferisch ist die Beziehung, in der etwas entstehen kann, das zuvor weder im Menschen noch im Medium vollständig angelegt war. Dann sind Leinwand und Large Language Model keine Quellen der Kreativität, sondern Medien, die Räume eröffnen, in denen Kreativität sichtbar werden kann.

Kunst, KI und Systemik verbindet genau das. Keine von ihnen produziert lineare Antworten.

Kunst verschiebt Wahrnehmung.

Systemik verschiebt Beobachtung.

KI verschiebt Muster und Assoziationen.

Alle drei arbeiten weniger mit Wahrheiten als mit Möglichkeiten. Alle drei machen etwas sichtbar, das in keiner ihrer Einzelkomponenten vollständig enthalten war. Das Neue entsteht nicht aus dem Nichts - es entsteht aus Beziehung. Ganz im Sinne des bekannten Grundsatzes, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

Wenn wir Beziehung als Quelle von kreativem Ausdruck, Erkenntnis und Innovation verstehen, verändert sich unser Blick auf ihre Entstehung. Dann gehört Erkenntnis niemandem allein. Dann ist Kreativität weniger ein individuelles Talent als die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen und zu gestalten. Dann wird Innovation weniger zur Leistung Einzelner als zur Qualität eines Systems. Vielleicht überschätzen wir deshalb bis heute das Individuum und unterschätzen die Beziehung. Wir suchen nach dem genialen Menschen, der die Idee hatte. Nach der Künstlerin, die das Werk geschaffen hat. Nach dem Ingenieur, der die Lösung entwickelte. Dabei übersehen wir leicht das System, in dem all dies entstehen konnte – und damit den eigentlichen Ort der Entstehung.

Vielleicht verbindet die Leinwand und das Large Language Model weniger ihre Funktion als das, was zwischen ihnen geschieht. Beide eröffnen Räume, in denen Beziehung möglich wird. Räume, in denen Denken seine eigenen Grenzen überschreiten kann. Räume, in denen etwas entsteht, das keiner der Beteiligten allein hätte hervorbringen können. Das gilt auch für Systemic Engineering. Es entsteht dort, wo unterschiedliche Disziplinen, Denkweisen und Perspektiven miteinander in Beziehung treten. Dort, wo Beziehung gestaltet wird. Dort, wo Neues geboren wird.


Lore Born

(Divers/ keine Pronomen)


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