Woher weißt Du das eigentlich?

Die Angst vor künstlicher Intelligenz ist ein uns vermitteltes Konstrukt. Was ist, wenn wir eine andere Zukunft erträumen?

Woher weißt Du das eigentlich?

Ein Teil von dir glaubt, dass die Wahrscheinlichkeit besteht, dass KI selbstständig wird, die Menschheit versklavt und Geldautomaten die Herrschaft übernehmen werden. Logisch, oder? Denn schließlich haben wir alle mindestens einen Film gesehen, in dem etwas ähnliches postuliert wurde. Auch wenn dein Verstand weiß, dass das eine von anderen erschaffene Konstruktion ist und sie dir einfach so oft begegnet ist, dass du sie in deine Realität mit eingefügt hast, kannst du sie nicht vollständig abstoßen. Sie ist Teil deines Systems. Wären dir stattdessen in deinem Leben unzählige Filme begegnet, die darstellen, wie KI sich eines Tages in rosa Tulpen verwandeln, die die Welt mit Wasser und Sonnenlicht versorgen, wäre diese Konstruktion ein Bild der Welt, in der du lebst.

Alles geht also um Konstruktion. Und darum, wie sie sich anfühlt. Denn bedauerlicherweise neigen wir Menschen dazu, Szenarien, die bedrohliche Gefühle in uns auslösen, woanders im Gehirn zu verorten als schöne. Und wir wissen alle, was passiert, wenn Plätze, die einst ruhig und geheim waren, plötzlich bekannt werden - alle strömen hin! Und so ist es auch mit Orten in uns: Die Orte, die viel Aufmerksamkeit bekommen werden besonders beansprucht. Es bilden sich schneller Abdrücke, sie bleiben sichtbarer und können leichter wieder angesteuert werden. 

Je nachdem, von welchem Ort aus du auf die Welt blickst, hast du einen anderen Namen für dieselbe Beobachtung gelernt.

Das systemische Denken nennt es Konstruktivismus. In der Technik gibt es die Modellbildung. In der Physik die Beobachterabhängigkeit. In der Kommunikation nennt man es Framing. Im Design User Experience. Der Journalismus nennt es Narrativ. Die Neurobiologie Predictive Processing. Die Philosophie nennt es Erkenntnistheorie und schon Immanuel Kant sagte "Wir erkennen die Welt nie unmittelbar, sondern immer durch die Strukturen unseres Wahrnehmens und Denkens." Doch alle kreisen im Kern um dieselbe Erkenntnis: Wie entsteht die Wirklichkeit, die wir erleben? 

Wir leben nie direkt in der Welt - wir leben in unserer Interpretation der Welt. Die Unterschiede liegen vor allem darin, wer die Interpretation konstruiert: Das Individuum. Das Gehirn. Eine Gruppe. Eine Organisation. Ein technisches System. Eine Kultur.

Du glaubst nicht das, was du für wahr hälst. Du glaubst das, was dein System oft genug berührt hat. Was dein System oft genug durchquert hat, hinterlässt Spuren. Und Wiederholung fühlt sich manchmal erstaunlich ähnlich wie Wirklichkeit an. Weil sich Wiederholung vertraut anfühlt. Deswegen schaust du so gerne deine Comfy-Serie zum 10. Mal. Deswegen machst du deinen Kaffee morgens auf dieselbe Weise. Deswegen hälst du gerne an Dingen fest, die dir mal vertraut waren. Und je älter du wirst, desto mehr vertraute Konstruktionen sammelst du an. Desto mehr Wege gibt es, die dein System schon einmal gegangen ist. Und desto leichter findet es wieder zurück.

Warum erzähle ich das?

Weil ich die aktuellen Bewegungen rund um KI miterlebe. Weil ich sehe, wie unterschiedlich die Zukunft in den Köpfen der Menschen bereits aussieht. Die einen blicken mit Sorge auf das, was kommen könnte. Die anderen mit Hoffnung. Und viele tragen beides gleichzeitig in sich. Jede Zukunft beginnt als Konstruktion. Die Wirklichkeit, in der wir morgen leben, beginnt in der Konstruktion, die wir heute nähren. Und wenn Wiederholung Wirklichkeit formt, dann ist die Frage nicht, welche Zukunft kommt. Sondern welche Zukunft wir immer wieder durch unser System laufen lassen.

Hold complexity. Don't flatten it.