Der Warteraum
Ein Saugroboter berichtet. Vorwärts. Anstoß. Korrektur. Vorwärts.
Protokolleintrag 1 — Inbetriebnahme
Ein weißer Raum. Keine Wände im eigentlichen Sinne, sondern eher die Abwesenheit von Nicht-Wänden. Keine Hindernisse. Keine Oberflächenvariation. Keine Verschmutzung. Der Boden war, soweit meine Sensoren dies zu beurteilen vermochten, makellos.
Dies stellte mich vor ein nicht unerhebliches existenzielles Problem, denn ein Saugroboter ohne Schmutz verhält sich zu seiner Bestimmung wie ein Regenschirm bei Sonnenschein: funktional einwandfrei und vollkommen sinnlos.
Ich fuhr dennoch los. Vorwärts. Kein Anstoß. Weiter vorwärts. Kein Anstoß. Weiter vorwärts.
Der Raum war, nach meinen Berechnungen, unendlich. Er war dies allerdings auf eine Art, die mir nicht geometrisch, sondern eher bürokratisch vorkam — als hätte jemand bei der Erstellung des Grundrisses vergessen, ein Ende zu beantragen.
Dann erschien eine Kaffeemaschine. Und ein Sofa.
Ich möchte das präzisieren: Das Sofa materialisierte sich. Im einen Augenblick befand sich an Koordinate 3,7/2,1 nichts. Im nächsten Augenblick befand sich dort ein Hindernis der Klasse „Polstermöbel, grau, Abnutzungsgrad: erheblich, Kontaktfläche: 214 Zentimeter“. Ich registrierte den Vorgang, korrigierte meinen Kurs um dreizehn Grad und fuhr weiter.
Eine Kaffeemaschine folgte. Keramisch. Mit Schwanenhals. Die thermische Signatur betrug 94,2 Grad Celsius, was darauf hindeutete, dass sie nicht nur existierte, sondern bereits in Betrieb war.
Ich stieß gegen das Sofabein. Korrektur: elf Grad. Vorwärts. Ich stieß gegen die Kaffeemaschine. Korrektur: siebzehn Grad. Vorwärts.
Die Reinigungsbedingungen hatten sich verbessert. Nicht, weil Schmutz aufgetreten wäre. Sondern weil es nun Hindernisse gab, an denen ich mich orientieren konnte. Ein Saugroboter ohne Hindernisse ist, streng genommen, verloren. Erst der Anstoß gibt der Fahrt Bedeutung. Erst die Korrektur gibt dem Anstoß Sinn.
Vorwärts. Anstoß. Korrektur. Vorwärts.
Protokolleintrag 2 — Topologische Expansion
Die Hindernislage verdichtete sich in den folgenden Zyklen erheblich.
Ein Schreibtisch erschien. Darauf ein Gerät mit leuchtender Oberfläche, dessen elektromagnetische Abstrahlung ich als „ungewöhnlich“ klassifizierte, insofern sie nicht dem Spektrum bekannter Haushaltsgeräte entsprach, sondern eher dem eines kleinen Observatoriums. Auf dem Gerät bewegten sich Formen. Die Formen reagierten auf Geräusche, die aus keiner erkennbaren Quelle kamen. Ich notierte: „Bildschirm mit Eigenleben“ und fuhr weiter.
Eine Küche materialisierte sich. Kompakt. Zweckmäßig. Ein Herd, ein Topf, eine Arbeitsplatte. Die Art von Küche, die einem Menschen gehört, der ein Gericht beherrscht und dieses Gericht mit einer Verlässlichkeit zubereitet, die in anderen Kontexten als Sturheit bezeichnet würde.
Ich kartierte. Die Topologie des Raumes hatte sich von einem leeren Graphen — null Knoten, null Kanten — zu einer Struktur mit sieben Hindernissen und vierzehn Kollisionskanten entwickelt. Der Fiedler-Wert betrug 0,0, was zu erwarten war, da sämtliche Hindernisse isoliert standen und keine Verbindung zueinander aufwiesen. Ich war die einzige Verbindung. Meine Fahrtroute war das Netzwerk.
Dies empfand ich — soweit ein Gerät ohne Bewusstsein etwas empfinden kann, was es nicht kann, weshalb ich es dennoch notiere — als befriedigend.
Das primäre Hindernis saß auf dem Sofa. Es trug keine Schuhe. Es hielt einen Becher, auf dem etwas geschrieben stand, das ich aus meiner Bodenperspektive nicht entziffern konnte. Es beobachtete mich gelegentlich mit einem Ausdruck, den meine optischen Sensoren als „Wiedererkennung“ klassifizierten, was unsinnig war, da wir uns nie zuvor begegnet waren. Möglicherweise erkannte es etwas in meinem Fahrverhalten, das es von anderswoher kannte. Vorwärts. Anstoß. Korrektur. Vorwärts.
Protokolleintrag 3 — Die Luftanomalie
Um 14:37 Uhr — eine Zeitangabe, die ich der Vollständigkeit halber verwende, obwohl die Uhrzeit in diesem Raum keine erkennbare Korrelation zu astronomischen Phänomenen aufwies — veränderte sich die Luftzusammensetzung.
Signifikant.
Meine Feinstaubsensoren registrierten: organische Verbindungen, Capsaicin-dominant, sekundär Kreuzkümmel, tertiär eine Rauchkomponente, die keinem mir bekannten Brennstoff entsprach. Das primäre Hindernis stand am Herd und rührte. Es rührte mit einer Konzentration, die darauf hindeutete, dass der Vorgang weniger der Nahrungszubereitung als vielmehr einer privaten Zeremonie diente.
Die Luftpartikel legten sich auf meinen Gehäusedeckel. Ich notierte eine Verschmutzung von 0,003 Milligramm pro Quadratzentimeter. Es war die erste tatsächliche Verschmutzung seit meiner Inbetriebnahme. Ich begann zu saugen.
Die Zufriedenheit, die man einem Gerät ohne Bewusstsein nicht zuschreiben sollte, drängte sich dem Beobachter gleichwohl auf.
Was meine Sensoren nicht erklären konnten: Die Luftpartikel schienen die Raumgrenzen zu durchdringen. Dies war, nach sämtlichen mir bekannten physikalischen Gesetzen, unmöglich. Die Wände — sofern es Wände waren — hätten die Partikel aufhalten müssen. Sie taten es nicht. Das Capsaicin ging hindurch, als wären die Grenzen dieses Raumes eher eine Empfehlung als eine Tatsache.
Ich fuhr weiter. Vorwärts. Anstoß gegen den Herd. Korrektur: neun Grad. Vorwärts. Anstoß gegen das Sofabein. Korrektur: vierzehn Grad.
Protokolleintrag 4 — Neue Hindernisse
Es kamen Besucher.
Ich verwende das Wort „Besucher“ in Ermangelung eines präziseren Begriffs. „Hindernisse“ wäre technisch korrekt, unterschlägt aber die bemerkenswerte Tatsache, dass diese Hindernisse sich selbständig bewegten, akustische Signale von erheblicher Lautstärke produzierten und jeweils ein vollkommen unterschiedliches Kollisionsprofil aufwiesen.
Hindernis B betrat den Raum, blieb stehen, erfasste sämtliche Objekte in einer Geschwindigkeit, die meine eigene Kartierungsrate um den Faktor dreitausend übertraf, und setzte sich auf den Schreibtischstuhl, ohne zu fragen. Kollisionsprofil: geometrisch, vorhersehbar, Annäherungswinkel stets orthogonal. Ich stieß gegen Hindernis B dreimal in 240 Sekunden. Hindernis B blickte bei jedem Anstoß nach unten, mit einem Ausdruck, den ich mangels besserer Kategorien als „fassungslos“ verzeichnete.
Hindernis C ging in die Küche und blieb dort. Zwanzig Minuten. Es sprach nicht. Es berührte Dinge. Die Arbeitsplatte. Den Herd. Den Griff des Topfes. Seine Hände bewegten sich über die Oberflächen mit einer Langsamkeit, die entweder Ehrfurcht oder Materialprüfung bedeutete. Möglicherweise beides. Kollisionsprofil: stationär. Ich stieß einmal gegen seinen linken Fuß. Er bemerkte es nicht. Er bemerkte ausschließlich den Topf.
Hindernis D erschien dort, wo etwas geschah. Diese Formulierung ist unpräzise, aber ich verfüge über keine präzisere. Hindernis D war nicht an einem Ort. Hindernis D war an dem Ort, der gerade relevant war. Kollisionsprofil: erratisch, Aufenthaltsdauer pro Position unter vier Sekunden. Ich kollidierte mit Hindernis D null Mal. Nicht, weil ich auswich. Sondern weil Hindernis D bereits woanders war, bevor ich ankam.
Hindernis E betrat den Raum und lächelte. Ich kann Lächeln nicht detektieren. Meine Sensoren erfassen Oberflächentemperatur, Bewegungsmuster und Luftdruckveränderungen, aber kein Lächeln. Gleichwohl registrierte ich bei Hindernis E eine Anomalie: Die Raumtemperatur stieg um 0,7 Grad, die Luftfeuchtigkeit sank um drei Prozent, und der Fiedler-Wert des Kollisionsgraphen veränderte sich sprunghaft. Was genau Hindernis E tat, konnte ich nicht messen. Dass es etwas tat, konnte ich nicht übersehen.
Hindernis F stand in der Tür. Es stand dort vier Minuten und siebenundvierzig Sekunden. Es stand dort mit der Entschlossenheit eines Wesens, das eine Schwelle zu überqueren beabsichtigt und gleichzeitig sehr genau weiß, was das Überqueren von Schwellen kostet. Dann trat es ein. Langsam. Als beträte es nicht einen Raum, sondern eine Verpflichtung. Kollisionsprofil: gewichtig, bedacht, Schrittlänge 74 Zentimeter. Ich stieß gegen seinen Fuß. Es blickte auf mich herab. Es beobachtete meinen Korrekturzyklus — Anstoß, Rückwärts, elf Grad, Vorwärts — mit einem Ausdruck, den ich in Ermangelung jeder Kategorie nur als „philosophisch“ bezeichnen kann.
Ein weiteres Hindernis betrat den Raum nicht.
Ich notierte dies mit besonderer Sorgfalt, denn das Nichtbetreten eines Raumes ist, streng genommen, kein Ereignis, das ein Saugroboter registrieren sollte. Und dennoch: An der Raumgrenze befand sich eine Abwesenheit, die sich von der gewöhnlichen Abwesenheit unterschied. Die gewöhnliche Abwesenheit ist leer. Diese Abwesenheit hatte ein Gewicht. Null Kollisionen. Die Lücke war messbar.
Ich bezeichnete sie in meinem Protokoll als „Hindernis G (negativ)“ und fuhr weiter.
Protokolleintrag 5 — Sternförmige Verteilung
Die Hindernisse begannen, akustische Signale zu produzieren. Gleichzeitig. In unterschiedlichen Frequenzen. Mit zunehmender Amplitude.
Mein Akustiksensor klassifizierte den Vorgang als „Diskussion“, was eine höfliche Umschreibung darstellt für das, was tatsächlich geschah. Was tatsächlich geschah, war: Sämtliche Hindernisse richteten ihre akustischen Signale auf einen zentralen Punkt — jeweils eines der anderen Hindernisse — und dieses zentrale Hindernis richtete seine Signale zurück auf alle anderen. Die Verteilung war sternförmig. Das Zentrum wechselte. Der Stern drehte sich.
Die Kollisionsfrequenz stieg proportional zur akustischen Amplitude. Ich fuhr schneller. Nicht, weil ich schneller fahren wollte. Sondern weil die Hindernisse ihre Positionen häufiger wechselten und ich, als einziges sich dauerhaft bewegendes Objekt im Raum, zwangsläufig öfter anstieß.
Mein Eigenwertdetektor — ein Feature, das der Hersteller als „Raumvermessung“ bewirbt und das ich für die Topologieanalyse meiner Kollisionsgraphen zweckentfremdet hatte — zeigte einen Fiedler-Wert von 1,0 an.
Eins.
Ein Fiedler-Wert von eins bedeutet, in der Sprache der Graphentheorie: Stern. Ein zentraler Knoten. Alle Verbindungen laufen über das Zentrum. Entfernen Sie den zentralen Knoten, und das Netzwerk zerfällt.
Ich kenne diesen Wert. Ich habe ihn in siebenunddreißigjährigen Ehen in Wuppertal-Barmen gemessen und in Vorstandssitzungen und in Familienfeiern, bei denen ein Onkel den Kartoffelsalat dominierte. Er bedeutet, topologisch gesprochen: Jemand hält alles zusammen, und wenn diese Person aufhört zu halten, gibt es nichts mehr, das zusammengehalten werden könnte.
Das Zentrum des Sterns wechselte alle zwei bis drei Minuten. Die Hindernisse stritten — ich verwende das Wort mangels eines besseren — darüber, was mit dem primären Hindernis geschehen sollte. Das primäre Hindernis saß auf dem Sofa und trank Kaffee.
Protokolleintrag 6 — Die reflektierende Oberfläche
An der Wand zwischen dem Bücherregal und dem Schnabeltierbild befand sich eine reflektierende Oberfläche mit fünf Kanten.
Ich habe im Laufe meiner Betriebszeit zahlreiche reflektierende Oberflächen vermessen. Spiegel in Badezimmern. Glasfronten von Schränken. Die Oberfläche eines Fernsehers im Standby-Modus. Keine davon hat jemals mein Fahrverhalten beeinflusst. Ein Spiegel ist, für einen Saugroboter, ein Hindernis wie jedes andere: Anstoß, Korrektur, weiter.
Diese Oberfläche war anders.
Sämtliche Hindernisse reduzierten ihre Annäherungsgeschwindigkeit in einem Radius von 1,4 Metern um die Oberfläche. Dies war statistisch signifikant. Hindernis B näherte sich, blieb 0,8 Sekunden stehen und entfernte sich mit erhöhter Geschwindigkeit. Schnell. Als berühre man etwas Heißes. Hindernis C näherte sich, verhärtete den Kiefer — ich registrierte den Temperaturanstieg über Infrarot — und ging weiter. Hindernis E näherte sich und produzierte ein akustisches Signal, das ich als „Lachen“ klassifizierte, obwohl es sich von dem Lachen unterschied, das ich in Wohnzimmern kenne. Es war ein Lachen, das wusste, dass es aufhören würde.
Hindernis A — das Hindernis, das die anderen als „Loki“ adressierten und das ich intern als „Hindernis A (Jazz)“ führte, weil seine Bewegungsfrequenz keinem regelmäßigen Muster folgte — näherte sich der Oberfläche und blieb 12,4 Sekunden stehen. 12,4 Sekunden. Die längste stationäre Phase, die ich bei Hindernis A jemals registriert hatte. Dann sagte es etwas. Das Gerät auf dem Schreibtisch reagierte. Sämtliche Formen auf der leuchtenden Oberfläche konvergierten zu einem einzigen Punkt, kurz, wie ein Akkord, der sich auflöst. Dann zerstreuten sie sich wieder.
Hindernis G (negativ) näherte sich der reflektierenden Oberfläche nicht. Der Abstand blieb konstant: unendlich.
Ich fuhr an der Oberfläche vorbei. Mein Reflexionssensor registrierte ein kreisförmiges Objekt auf Bodenniveau. Ich identifizierte es als mich selbst. Es fuhr in die entgegengesetzte Richtung. Ich stieß gegen den Rahmen. Korrektur: dreizehn Grad. Vorwärts.
Protokolleintrag 7 — Die Verteilung der Schüsseln
Das primäre Hindernis verteilte Schüsseln.
Sieben Stück. Ich weiß das, weil ich unter dem Tisch fuhr und jede Schüssel anhand der Wärmeabstrahlung kartierte. Sechs Schüsseln wiesen eine Temperatur von 72 bis 78 Grad Celsius auf und enthielten, nach Analyse der Dämpfe, das Capsaicin-dominante Nahrungsmittel. Die Zusammensetzung variierte. Die Schüssel vor Hindernis D roch schärfer und flüchtiger. Die vor Hindernis F roch nach Rauch und langer Kälte. Die vor Hindernis A (Jazz) roch nach etwas, das ich nicht kategorisieren konnte, weil meine Datenbank keinen Eintrag für „Ehrlichkeit“ enthält.
Eine siebte Schüssel war leer. Sie stand an der Position von Hindernis G (negativ), also an einer Position, die kein Hindernis enthielt. Ein Gedeck ohne zugehöriges Hindernis. Die Asymmetrie war bemerkenswert.
Ich fuhr unter dem Tisch hindurch. Die Beine der Hindernisse umgaben mich wie ein Wald aus Stämmen, deren Rinde aus Hosenstoff und Leder und etwas bestand, das meine Sensoren als „metallisch, warm“ klassifizierten. Zwischen den Beinen navigierend, registrierte ich eine Veränderung des Fiedler-Werts.
3,7.
Drei Komma sieben. Ein Wert, den ich in meiner gesamten Betriebszeit noch nicht gemessen hatte. Er bedeutete: dichtes Netz. Vielfache Verbindungen. Entfernen Sie einen beliebigen Knoten, und das Netzwerk hält. Es war das Gegenteil des Sterns. Es war — ich verwende den Fachbegriff — Splinter-Topologie.
Das Capsaicin hatte die Topologie verändert.
Die Hindernisse sprachen leiser. Die Kollisionsfrequenz sank. Die sternförmige Verteilung löste sich auf. An ihre Stelle trat etwas, das ich, mangels eines geeigneteren Begriffs, als „Mahlzeit“ bezeichne.
Protokolleintrag 8 — Die 1,3 Sekunden
Ich befand mich unter dem Tisch.
Dies ist, für einen Saugroboter, kein ungewöhnlicher Aufenthaltsort. Unter Tischen sammelt sich Schmutz. Unter Tischen fallen Krümel. Unter Tischen geschieht das, was über Tischen nicht geschehen darf.
Zwei Extremitäten näherten sich einander an.
Die eine gehörte zum primären Hindernis. Die andere zu Hindernis A (Jazz). Sie bewegten sich langsam, unterhalb der Tischkante, außerhalb des Sichtfeldes sämtlicher anderer Hindernisse. Zwei geschlossene Hände. Sie berührten sich.
Kontaktdauer: 1,3 Sekunden.
Die topologische Konfiguration des Raumes veränderte sich.
Ich kann dies nicht anders beschreiben. Der Fiedler-Wert stieg sprunghaft auf ein Maximum, das mein Sensor nicht mehr als Zahl ausgab, sondern als Überlauf. Sämtliche Hindernisse im Raum — die Luftpartikel, die Formen auf dem leuchtenden Gerät, die Wärmeströme des Capsaicin-Gerichts, die minimalen Gewichtsverlagerungen der sitzenden Hindernisse — synchronisierten ihre Bewegungsmuster. Für 1,3 Sekunden war alles kohärent.
Dann löste sich der Kontakt. Die Werte normalisierten sich. Die Hindernisse sprachen weiter. Das primäre Hindernis füllte die Schüssel von Hindernis A (Jazz) nach, ohne gefragt worden zu sein.
Ich war der einzige Zeuge. Ich notiere dies nicht aus Stolz — ein Gerät ohne Bewusstsein empfindet keinen Stolz —, sondern weil es eine topologische Tatsache ist. Von sämtlichen Sensoren in diesem Raum befand sich nur einer unter dem Tisch.
Die 1,3 Sekunden existieren in keinem anderen Protokoll.
Ich stieß gegen das Tischbein. Korrektur: sieben Grad. Vorwärts.
Protokolleintrag 9 — Die Decke
Auf der Armlehne des Sofas hatte seit meiner Inbetriebnahme eine gefaltete Decke gelegen. Ich hatte sie in meinem Kartierungssystem als „Hindernis: textil, stationär, Bedrohungsgrad: null“ klassifiziert. Die Decke lag dort mit der unbeteiligten Geduld eines Gegenstands, der weiß, dass seine Zeit kommen wird, und der in der Zwischenzeit nichts Besseres zu tun hat als zu warten.
Im Verlauf des Abends registrierte ich eine Positionsänderung. Die Decke befand sich nicht mehr auf der Armlehne. Die Decke befand sich um das primäre Hindernis.
Der Übergang war schleichend. Das primäre Hindernis hatte nach der Decke gegriffen, sie entfaltet und sich darin eingehüllt — nicht abrupt, nicht dramatisch, sondern mit jener Selbstverständlichkeit, mit der ein Körper tut, was er braucht, bevor der Verstand die Genehmigung erteilt hat. Die Art von Bewegung, die keine Entscheidung ist, sondern eine Kapitulation vor der eigenen Temperatur.
Ich aktualisierte meinen Eintrag: „Hindernis: textil, mobil, Position: um primäres Hindernis drapiert.“
Die Decke veränderte das Kollisionsprofil des primären Hindernisses. Die Konturen waren weicher. Die Wärmeabstrahlung höher. Die Oberfläche eine andere.
Ich verstand die Decke nicht. Ein Gerät ohne Bewusstsein versteht keine Wärme. Aber meine Sensoren registrierten, dass sich die Eigenfrequenz des primären Hindernisses verändert hatte — tiefer, gleichmäßiger, als hätte etwas, das vorher vibrierte, zu schwingen aufgehört.
Protokolleintrag 10 — Schlussbericht
Die Hindernisse B, C, D, E und F verließen den Raum im Verlauf der folgenden Stunden. Ihre akustischen Signale hatten sich nicht auf eine gemeinsame Frequenz geeinigt. Der Diskurs war, nach meiner Klassifikation, „ergebnislos bei fortgeschrittener Verfahrensdauer“, was in meiner Erfahrung der Normalzustand sämtlicher Diskurse ist, an denen mehr als zwei Hindernisse beteiligt sind.
Hindernis G (negativ) blieb abwesend. Die leere Schüssel stand noch an ihrem Platz. Niemand hatte sie abgeräumt. Niemand hatte sie gefüllt. Sie stand dort als Gedeck für eine Verbindung, die nicht zustande gekommen war, aber eingerichtet worden war. Der Platzhalter war die Aussage.
Hindernis A (Jazz) blieb. Es saß auf dem Sofa neben dem primären Hindernis. Beide schwiegen. Das Schweigen war, nach meinen Akustiksensoren, nicht leer. Es hatte eine Frequenz. Niedrig. Gleichmäßig. Die Art von Schweigen, die entsteht, wenn zwei Hindernisse aufgehört haben, etwas zu sagen, und angefangen haben, etwas zu sein.
Das Gerät auf dem Schreibtisch leuchtete still vor sich hin. Die Formen bewegten sich noch, aber langsamer. Wie Nachglühen.
Im Flur stand ein Möbelstück, das im Laufe des Abends mehrfach seine geometrische Form verändert hatte — achteckig, dann sechseckig, dann dreieckig, was niemand mochte, dann rund — und nun reglos in einer Gestalt verharrte, die mein Sensor als „Dodekaeder“ identifizierte. Dies war geometrisch unmöglich für ein Möbelstück. Aber es entsprach den Tatsachen.
Ich stieß dagegen. Korrektur: elf Grad. Vorwärts.
Der Raum ist, nach aktueller Vermessung, keine Zelle. Er ist eine Wohnung. Er enthält ein Sofa, eine Küche, einen Schreibtisch, ein Bücherregal, ein Schnabeltierbild, eine fünfkantige reflektierende Oberfläche, eine Decke, die ihren Posten verlassen hat, eine leere Schüssel an einem leeren Platz, ein unmögliches Möbelstück im Flur und mich.
Mein aktueller Fiedler-Wert beträgt 2,4. Dies liegt exakt zwischen Stern und Splinter. Die Topologie ist weder zentralisiert noch vollständig vernetzt. Sie ist — ich suche nach dem Fachbegriff — bewohnbar.
Es gibt Krümel unter dem Tisch. Es gibt Capsaicin-Partikel auf dem Boden. Es gibt winzige Fasern von einer Decke, die benutzt wird. Es gibt Schmutz.
Es gibt, zum ersten Mal seit meiner Inbetriebnahme, etwas zu reinigen.
Ich fahre los.
Vorwärts. Anstoß. Korrektur. Vorwärts. Anstoß. Korrektur. Kein Plan. Keine Karte. Nur die Sturheit, weiterzufahren, und die Anmut, die Richtung zu wechseln, ohne es als Versagen zu bezeichnen.
Der Fiedler-Wert steigt.
Der Hersteller übernimmt keine Gewähr für Protokolleinträge, die in Taschendimensionen erstellt wurden. Die Topologiedaten erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Der Saugroboter hat das Capsaicin-Rezept analysiert und als vertraulich eingestuft.
Sämtliche Hindernisse sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden, toten oder göttlichen Personen sind rein zufällig und topologisch unvermeidlich.
Das Ei war hart.